Stars der Warteschleife
Dienstag, 19. Juni 2018 - Kategorien: , , , , ,

Die meistgehörteste Warteschleifenmusik der Welt ist  “Opus Number 1”. 

Bis zum heutigen Tag ist das Werk auf jeder der weltweit 65 Millionen Cisco – Telefonanlagen vorinstalliert. Trotzdem brachte es den beiden Komponisten Tim Carleton und Darick Deel weder Geld noch Ruhm. Warteschleifenmusik sei ”nicht wirklich etwas, mit dem man angeben kann”, auch nicht beim Flirten an der Bar, erzählt Carlton der Journalistin Sara Corbett.
Für eine Radioreportage recherchierte sie die Hintergründe der “Opus No. 1″ Story.

Jemand der sich in der unscheinbaren Warteschleifennische gut eingerichtet hat, ist Stefan Ladage. 
Er gilt in der Branche als “Dieter Bohlen der Warteschleifenmusik”.  In seinem Studio in Herford produziert er mit 27 Mitarbeitern jährlich circa 24.000 Telefonwarteschleifen, “von Starterpaketen für kleine Handwerker bis zu ausgefeilten Audiomarketingkonzepten für internationale Konzerne”. Damit macht er nach eigenen Angaben einen siebenstelligen Jahresumsatz.

Seiner Ansicht nach erfüllt eine gute Warteschleifenmusik drei Anforderungen: Sie wirkt beruhigend, darf aber nicht einschläfernd sein, entspricht dem Zeitgeist und passt zum Kunden (via SZ ):

“Für den Baumarkt müssen wir es eher volksmusikähnlich machen, für den Friseursalon innovativ. Was auf einer Hochzeit oder bei einem Konzert funktioniert, das läuft auch in der Warteschleife.“

Ladages größter Hit ist die Firmenhymne von Air Berlin, mit der er es in die Warteschleife von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft und in die Hitparaden schaffte:

“Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn und ein Lächeln stets mit drin.”

Eine sechsstellige Summe soll dieser Song gekostet haben. Ganz simple Jingles gibt es bei Ladage für 19 Euro. Manchmal macht er seinem Ruf alle Ehre und fragt beim echten Dieter an, ob nicht einer seiner “DSDS- Schützlinge” einen Warteschleifensong einsingen kann.

Anstatt bei Stefan Ladage anzurufen, ging die Bauhaus Universität Weimar einen anderen Weg: Sie veranstaltete einen “Uni – Telefon – Warteschleifen Contest”:

Preisträger wurden Mario Weise mit “Comfort Noise”, sowie Ulf Pleines und Bert Liebold mit “Nimm noch nicht ab, Elise”:

https://soundcloud.com/taonline/comfort-noise-von-ulf-pleines  

https://soundcloud.com/taonline/nimm-noch-nicht-ab-elise-von

 

“Comfort noise” wurde noch während der Preisverleihung als neue Warteschleife freigeschaltet. Im viermonatlichen Wechsel mit “Nimm noch nicht ab, Elise” soll es die Wartezeit im Telefonnetz der Weimarer Universität verkürzen.

Um mehr Glamour in die Warteschleifenbranche zu bringen, verleiht die amerikanische Warteschleifenvereinigung OHMA alljährlich den Warteschleifenoscar und zeichnet damit Stars und Sternchen der Branche aus.

Während der Contest in Weimar musikalische Akzente setzen will, scheint es in Amerika einen Trend zu Humor in der Hotline zu geben:

Hier ein Überblick über die Siegerfiles der letzten Jahre. ( via Lukas Zimmer)

Unter den Preisträgern finden sich lustige Minidramen über Autowerkstätten und Comedyshows über Gebäudereinigungen. Der 2013 ausgezeichnete Spot des Automobil Zulieferers Binkelman baut auf Selbstironie. Die Mitarbeiter in der Warteschleife bekommen es nicht hin, den Namen ihrer eigenen Firma ordentlich auszusprechen.

Auch “Clown Cars” der 2011 mit dem Silver Award ausgezeichnete Comedy Jingle von Goodyear zeigt, dass es in der amerikanischen Hotline von heute ohne Humor nicht mehr geht: Ein Komplettdurchlauf des Jingles dauert sechs Minuten 45 Sekunden (!) und gibt dem wütenden Anrufer in der Beschwerdehotline wichtige Überlebenstipps:

“Fellows, always remember to breathe. I know, breathing can be tyresome. And after a long day of breathing at work, the last thing you wanna do is go home and breathe all night – but not breathing can lead to not living and if you are not living it`s even harder to avoid being dead. So breathe deeply gents, breathe deeply.”

Immer tief durchatmen – wann werden wir solch wertvolle Tipps endlich als Kunden der Deutschen Telekom hören ?

Analysiert man die OHMA Preisträger, kristallisieren sich zwei Hauptanforderungen an zeitgenössische Warteschleifen heraus:

Erstens eine gewisse Länge.  Selbst der geduldigste Kunde kann nicht mehr, wenn er hunderte Male dieselben drei Takte Dudelmusik hören muss. Zweitens eine gehörige Portion Selbstironie.  Wenn Firmen es schaffen den Wartewahnsinn mit Witz zu verkaufen, ist viel gewonnen. Da Humor Geschmacksache ist, bleibt die Frage, ob dieser im entscheidenden Moment beim Kunden ankommt, oder im schlimmsten Fall das Gegenteil bewirkt.

Wer tiefer in die Psychologie und Analyse von Warteschleifenmusik einsteigen möchte, dem sei dieser Artikel des Bonner Generalanzeigers empfohlen. Dort prüft der Psychologie Professor Alfred Gebert mehrere Bonner Telefonwarteschleifen (zum Beispiel Stadt Bonn, Gesundheitsministerium, Telekom Post, Haribo und Vapiano) auf Herz und Nieren.

 

 

 

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